18. Landsteiner Lecture mit Tony Wyss-Coray
Wie unangenehm es sein kann, bei einer Veranstaltung den Namen eines Gegenübers zu vergessen! Mit dieser allzu menschlichen Anekdote eröffnete Tony Wyss-Coray, Professor für Neurologie und Neurowissenschaften an der Stanford Medicine, am 12. Mai 2025 die 18. Landsteiner Lecture. Sein Vortrag mit dem Titel „Young Blood for Old Brains and the Quest to Slow Aging“ zog das Publikum sofort in seinen Bann. Wyss-Coray nutzte das Beispiel, um auf eine schlichte Wahrheit hinzuweisen: Das Gehirn altert – unausweichlich. Was mit 40 noch kaum auffällt, wird mit 60 und darüber hinaus zunehmend spürbar. Und doch zeigen rund 30 Prozent der Menschen eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gegenüber kognitivem Abbau. Wie ist das möglich? Und welche Rolle spielt das Blut dabei?
Diese nachdenklich stimmende Einführung bereitete den Boden für einen ebenso eindrucksvollen wie klar strukturierten Vortrag. Mit großer fachlicher Präzision und spürbarer Leidenschaft gab Wyss-Coray Einblicke in die neuesten Erkenntnisse der Alternsforschung. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht der Einfluss von Blut-basierten Faktoren auf Alterungsprozesse – sowohl im gesamten Organismus als auch in einzelnen Organen. Was lange nach Fiktion klang, ist inzwischen wissenschaftlich belegt: Bei Mäusen kann junges Blut alternde Gehirne und andere Organe verjüngen.
Zugleich lassen sich heute anhand von Blutanalysen erstaunlich präzise Aussagen über das biologische Alter einzelner Organe treffen. Während moderne Technologien tausende Blutbestandteile gleichzeitig erfassen können, beschränken sich Routineuntersuchungen meist auf wenige Dutzend Parameter. Das ungenutzte Potenzial ist enorm – sowohl für die frühzeitige Diagnose beschleunigter Alterung als auch für die Entwicklung neuer Therapien, die den Alterungsprozess verlangsamen oder sogar umkehren könnten. Die Vorstellung einer vollständigen „Benjamin Button“-Umkehr wies Wyss-Coray klar zurück, betonte jedoch, dass echte zelluläre und molekulare Verjüngung durchaus möglich sei.
„Wir könnten Menschen bereits in gesunden Jahren engmaschig begleiten – und eingreifen, noch bevor Krankheiten entstehen“, so Wyss-Coray abschließend. Der Vortrag hinterließ sichtlich Eindruck: Noch lange nach dem offiziellen Teil wurde angeregt diskutiert, viele nutzten beim anschließenden Empfang die Gelegenheit zum persönlichen Gespräch mit dem Vortragenden.
Musikalisch eingerahmt wurde die Veranstaltung vom Nexus String Quartet, das aus Anlass des 200. Geburtstags von Johann Strauss (Sohn) eine Auswahl seiner Werke präsentierte – ein stimmungsvoller Ausklang für einen ebenso anregenden wie inspirierenden Abend.
Unser herzlicher Dank gilt Tony Wyss-Coray für einen Vortrag, der neue Perspektiven eröffnet und das Publikum nachhaltig begeistert hat.
Zur CeMM Landsteiner Lecture Series
Zu Ehren von Karl Landsteiner, dem Wiener Entdecker der Blutgruppen, wird seit 2007 jährlich die CeMM Landsteiner Lecture gehalten. Die Vortragenden, die von den Principle Investigators und Adjunct Principle Investigators des CeMM sorgfältig ausgewählt werden, sind prominente Wissenschaftler:innen, bei denen man davon ausgehend kann, dass ihre Forschung einen bedeutenden Einfluss auf die Medizin hat. Der Vortrag richtet sich sowohl an die wissenschaftliche Gemeinschaft als auch an die breite Öffentlichkeit. Von 2007 bis 2018 und ab 2023 findet der Vortrag im prächtigen, mit Fresken ausgestatteten Festsaal aus dem 18. Jahrhundert der Österreichischen Akademie der Wissenschaften statt, wo einst Werke von Haydn und Beethoven erstaufgeführt wurden.
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