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Die Tumormikrobiota: Ein neues Kapitel in der Krebsbiologie

Die Tumormikrobiota: Ein neues Kapitel in der Krebsbiologie
Künstlerische Darstellung der Tumormikrobiota. © Humanitas Universität

Tumoren in unterschiedlichen Organen beherbergen mikrobielle Gemeinschaften, die Einfluss auf die Tumorbiologie, die Immunantwort und somit die Wirksamkeit von Therapien haben können – das zeigen aktuelle Forschungsergebnisse. Daher braucht es standardisierte Methoden zur Untersuchung intratumoraler Mikroorganismen, so der Tenor eines aktuellen Konsensartikels in der Fachzeitschrift Cancer Cell (DOI 10.1016/j.ccell.2026.02.011).

Die Tumormikrobiota, bestehend aus Bakterien, Pilzen, Viren und anderen Mikroorganismen im Tumorgewebe, gilt als als wichtiger Bestandteil der Tumormikroumgebung.  Ein internationaler Konsensartikel, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Cancer Cell, fasst die aktuellen Forschungsergebnisse führender Institutionen aus den USA, Israel, Österreich und Italien zusammen und bildet den derzeitigen Stand des Forschungsfeldes ab. Dafür wurden bestehende Daten systematisch ausgewertet, zentrale methodische Herausforderungen identifiziert und gemeinsame Standards für eine verlässliche und reproduzierbare Analyse tumorassoziierter Mikroben definiert. Eine der korrispondierenden Autor:innen ist Maria Rescigno, Wissenschaftliche Direktorin des CeMM Forschungszentrums für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Professorin für Allgemeine Pathologie an der Humanitas University sowie Leiterin des Labors für Mukosale Immunologie und Mikrobiota am IRCCS Istituto Clinico Humanitas. 

Mikroben und Tumoren: eine komplexe Beziehung

In den vergangenen Jahren haben präklinische Studien und klinische Beobachtungen gezeigt, dass insbesondere die Darmmikrobiota eine wichtige Rolle bei der Krebsentstehung spielt und den Erfolg von Immuntherapien beeinflussen kann. Internationale Forschungsergebnisse belegen, dass Veränderungen dieser mikrobiellen Gemeinschaften nicht nur Darmtumoren, sondern auch Tumoren in entfernten Organen wie Gehirn, Leber, Pankreas, Brust, Knochen und Haut beeinflussen können. Innerhalb von Tumoren lassen sich sowohl mikrobielle Signale als auch oftmals lebende Mikroorganismen nachweisen. Diese können Tumorzellen und Immunzellen funktionell verändern und so Krankheitsverläufe mitbestimmen.

„Tumorassoziierte Mikroben sind keine passiven Begleiter, sondern aktive Modulatoren der Tumorbiologie und der Therapieantwort. Ihre Erforschung ist aufgrund ihres geringen Vorkommens im Tumorgewebe, des Kontaminationsrisikos und methodischer Verzerrungen weiterhin anspruchsvoll. Ein besseres Verständnis ihrer Rolle wird jedoch entscheidend sein, um gezieltere therapeutische Strategien zu entwickeln“, erklärt Maria Rescigno.

Auf dem Weg zu präziseren Therapien

Mikroorganismen können Tumoren auf verschiedene Weise beeinflussen: Einerseits gelangen mikrobielle Bestandteile (wie Zellwandfragmente und Nukleinsäuren) und Stoffwechselprodukte über den Blutkreislauf in das Tumorgewebe und beeinflussen dort die lokale Zell- und Immunaktivität. Andererseits können in bestimmten Fällen lebende Mikroben aus dem Darm oder anderen Schleimhäuten in Tumoren übertreten und direkt mit dem Gewebe interagieren.

Auf Basis dieser Erkenntnisse definieren die Autor:innen die Tumormikrobiota als Gesamtheit mikrobieller Organismen und ihrer molekularen Bestandteile – darunter Nukleinsäuren, Proteine und Metabolite – innerhalb des Tumors und seines unmittelbaren Umfelds, die sich von oberflächlichen oder luminalen Gemeinschaften (d. h. solchen, die sich in Organhöhlen und nicht im Tumorgewebe befinden) unterscheiden und in der Lage sind, mit Wirtszellen zu interagieren.

Um technische Schwierigkeiten zu adressierenund Fehlinterpretationen zu vermeiden, empfiehlt der Konsensartikel die Kombination mehrerer komplementärer Methoden, etwa genetische Sequenzierung, bildgebende Verfahren, mikrobielle Kulturen und funktionelle Test. Ziel ist es, nicht nur das Vorhandensein von Mikroorganismen nachzuweisen, sondern auch deren Lebensfähigkeit und ihren Einfluss auf Krankheitsprozesse zu bestätigen. 

Zudem schlagen die Autor:innen Mindeststandards für die wissenschaftliche Dokumentation vor, um die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse sicherzustellen.

„Ziel ist es, die Debatte über die bloße Präsenz von Mikroorganismen zu überwinden und sich auf klinisch relevante Fragestellungen zu konzentrieren: Wie beeinflussen tumorassoziierte Mikroben die Tumorbiologie und den Therapieerfolg, und können sie als Biomarker für personalisierte Therapien dienen?“, ergänzt Luca Tiraboschi, Mitautor der Studie und Wissenschafter im Labor von Maria Rescigno an der Humanitas University.

Klinische Implikationen und zukünftige Perspektiven

Das genauere Verständnis der Rolle der Tumormikrobiota eröffnet neue Perspektiven für die Krebstherapie. Wie bereits für die Darmmikrobiota gezeigt wurde, könnten Interventionen, die auf intratumorale Mikroorganismen abzielen, die Wirksamkeit von Immuntherapien, Chemotherapien und anderen Behandlungsstrategien verbessern. 

Eine präzise Charakterisierung der zugrundeliegenden kausalen Mechanismen ist daher entscheidend, um diese Erkenntnisse in Ansätze der Präzisionsonkologie zu überführen.

Die Studie stellt eine bedeutende internationale Zusammenarbeit dar und fasst Evidenz aus verschiedenen Tumorarten zusammen, insbesondere aus solchen mit geringer mikrobieller Biomasse, bei denen Schlussfolgerungen eine besonders strenge Validierung erfordern. Mit klar definierten experimentellen und analytischen Leitlinien schafft sie eine Grundlage für robuste zukünftige Studien und für die Weiterentwicklung präzisionsmedizinischer Ansätze im aufstrebenden Forschungsfeld des Tumormikrobioms.

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Die Studie „Toward a consensus on the tumor microbiota: Evidence, standards, and interpretation“ erschien in der Zeitschrift Cancer Cell am 12. März 2026. DOI: 10.1016/j.ccell.2026.02.011

AutorInnen: Tingting Duan, Aviel Rosenbaum, Vidhi Chandra, Luca Tiraboschi, Maria Rescigno#, Florencia McAllister#, Ravid Straussman#, Marlies Meisel#
#geteilte Letztautor:innen

Korrespondierende Autorin der Studie Maria Rescigno.© ÖAW/Natascha Unkart

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