Von der Grundlagenforschung zur Biotech-Innovation: Fünf Jahre Proxygen und Solgate

Die Proxygen-Mitgründer Bernd Boidol (oben links) und Matthias Brandt (unten rechts) sowie die Solgate-Mitgründer Ariel Bensimon (oben rechts) und Enrico Girardi (unten links)
Im Jahr 2020 traten zwei Biotech-Startups mit Wurzeln am CeMM an, um akademische Entdeckungen in innovative Plattformen für die Wirkstoffforschung zu verwandeln. Fünf Jahre später haben sich Proxygen und Solgate als vielversprechende Akteure in der Biotech-Landschaft etabliert. In diesem gemeinsamen Interview von Bernd Boidol (Proxygen) und Ariel Bensimon (Solgate) reflektieren die Mitbegründer über ihre Wege, Herausforderungen und die entscheidende Rolle der Grundlagenforschung.
Wenn Sie auf Ihre Gründungsvision zurückblicken – wie hat sie sich entwickelt?
Boidol (Proxygen): Unsere Vision war es, eine zufällige Entdeckung in eine skalierbare Plattform für „molecular glue degraders“ zu verwandeln. Heute hat diese Plattform Moleküle hervorgebracht, die sich auf dem Weg in die klinische Testung befinden – etwas, das wir uns so schnell nicht hätten vorstellen können.
Bensimon (Solgate): Wir haben begonnen, eine Technologieplattform für die systematische Wirkstoffforschung mit Fokus auf Solute Carriers (SLCs) zu entwickeln. Mit der Zeit sind wir von der reinen Ermöglichung von Entdeckungen durch Technologie dazu übergegangen, eigene therapeutische Programme aufzubauen, indem wir die Technologie für ausgewählte Ziele einsetzen.
Welche Meilensteine machen Sie seit der Gründung am meisten stolz?
Boidol: Es gab viele, aber einige stechen wirklich hervor: das Feiern unseres fünfjährigen Bestehens, Partnerschaften mit führenden Pharmaunternehmen, der Aufbau eines wissenschaftlichen Spitzenteams und die Weiterentwicklung unseres Leitprogramms in Richtung klinischer Testung – alles Meilensteine, die zeigen, wie aus einer Idee etwas Greifbares mit potenzieller Wirkung für Patient:innen werden kann.
Bensimon: Wir denken oft an Meilensteine als den Moment, in dem wir ein Ziel erstmals erreichen. Spannend finde ich aber auch den Blick auf das Kontinuum von Ereignissen: den Aufbau unseres herausragenden Teams, die Skalierung der Technologie in neue Assays und die Entwicklung der Wirkstoffforschungsprogramme. Ich bin stolz auf jeden einzelnen Schritt, ob groß oder klein, sowohl hier in Österreich als auch in Zusammenarbeit mit Curie.Bio.
Was waren die größten Herausforderungen in den Anfangsjahren?
Bensimon: Finanzierung und der Aufbau eines industriefähigen Teams waren entscheidende Schritte für unser Wachstum. Wir konnten sie dank langfristiger Investor:innen, erfahrener Berater:innen und starker akademischer Unterstützung durch die Institute und Mitgründer bewältigen.
Boidol: Wie in jedem jungen Unternehmen gab es zahllose Herausforderungen. Den Unterschied machten starke professionelle Partnerschaften und vertrauensvolle Mitgründer. Indem wir Verantwortlichkeiten entsprechend unserer Stärken aufgeteilt haben, konnten wir Schwierigkeiten in Chancen verwandeln.
Wie hat das akademische Umfeld den Übergang in die unternehmerische Tätigkeit geprägt?
Boidol: Der Zugang zu den Wissenschaftler:innen, die die ursprünglichen Ideen entwickelt hatten, und zu ihren Netzwerken war unschätzbar wertvoll. Die Zusammenarbeit mit Forschenden, die von Neugier statt von Profit getrieben waren, fühlte sich oft an wie der Austausch mit Freund:innen, die wirklich helfen wollten.
Bensimon: Das akademische Umfeld am CeMM und am ISTA war entscheidend für unsere Entdeckungen, risikoreiche Innovationen und die Motivation junger Wissenschaftler:innen, Ideen in die Industrie zu tragen. Es stellte sowohl das Talent als auch die Begeisterung bereit, um einen Unterschied zu machen.
Warum ist Grundlagenforschung für Biotech-Innovation so wichtig?
Bensimon: In der Grundlagenforschung werden Entdeckungen und Talente gefördert. Sie liefert die Basis, um mutige Fragen zu verfolgen und Neuland zu betreten.
Boidol: Ohne Grundlagenforschung wäre Innovation auf inkrementelle Schritte reduziert. Durchbrüche kommen nur aus der fundamentalen Wissenschaft.
Bietet Österreich das richtige Ökosystem für akademische Spin-offs?
Boidol: Österreichs Förderlandschaft und steuerliche Anreize machen Spin-offs attraktiv. Verbesserungen wären etwa standardisierte Prozesse rund um IP und Eigentumsrechte sowie eine erleichterte Rekrutierung von Biotech-Talenten über Visa- und Steuervorteile.
Bensimon: Ja, es gibt starke Unterstützung durch Institutionen und öffentliche Stellen. Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen akademischen Einrichtungen, anstatt in Silos zu arbeiten, würde das Ökosystem weiter stärken.
Welchen Rat würden Sie Forschenden geben, die ein Startup gründen möchten?
Bensimon: Wenn Sie glauben, dass Ihre Idee es wert ist, in ein Unternehmen verwandelt zu werden – tun Sie es einfach. Bitten Sie um Unterstützung, wählen Sie die richtigen Partner:innen, und wenn es ein Spin-off ist: sorgen Sie für eine enge Abstimmung mit Ihrer akademischen Einrichtung.
Boidol: Machen Sie es. Sie werden mehr lernen als in jeder anderen Rolle. Bleiben Sie bescheiden im Erfolg und optimistisch bei Rückschlägen.
Wenn Sie nach vorne blicken: Was bedeutet Erfolg für Sie?
Boidol: Wissenschaft und Märkte sind unvorhersehbar, deshalb ist Flexibilität entscheidend. Für uns bedeutet Erfolg, die Grenzen der Wirkstoffforschung mit einem motivierten Team zu verschieben.
Bensimon: In fünf Jahren würde Erfolg für mich ein florierendes Unternehmen und eine Führungsrolle in unserem Bereich bedeuten, mit Technologien, die therapeutische Programme liefern, die zu realen Vorteilen für Patient:innen weiterentwickelt werden.
Bernd Boidol ist Chief Executive Officer von Proxygen, einem Biotechnologieunternehmen, das „molecular glue degraders“ entwickelt, um bisher nicht zugängliche Zielstrukturen medikamentös nutzbar zu machen. Mit Abschlüssen in Molekularbiologie und Betriebswirtschaft sowie einer Promotion in Onkologie verbindet er wissenschaftliche Ausbildung mit kommerzieller Expertise. Seit seiner Ernennung zum CEO im Jahr 2020 hat er Proxygen in hochkarätige strategische Partnerschaften mit globalen Pharmakonzernen wie Merck & Co. und Merck KGaA geführt und gleichzeitig die unternehmenseigene Forschungsplattform und Pipeline in Richtung klinischer Entwicklung vorangetrieben. Diese Erfolge brachten Proxygen 2023 die Auszeichnung als eines der „Fierce 15“-Unternehmen von Fierce Biotech ein. Vor seinem Eintritt bei Proxygen war Dr. Boidol als Unternehmensberater tätig und unterstützte Pharmaunternehmen beim Aufbau innovativer Geschäftsmodelle rund um neue therapeutische Modalitäten. Seine Führung ist geprägt von einem Bekenntnis zu wissenschaftlicher Exzellenz, enger Industriekooperation und dem Ziel, neuartige Medikamente für Patient:innen mit hohem ungedecktem Bedarf voranzubringen. Durch die Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft hat er Proxygen als Vorreiter im sich rasant entwickelnden Bereich des Targeted Protein Degradation positioniert.
Matthias Brand ist Mitgründer und Chief Technology Officer von Proxygen, wo er die Forschung und frühe Entwicklung neuartiger „molecular glue degraders“ leitet. Mit einer Promotion am CeMM unter der Betreuung von Georg Winter spezialisierte sich Matthias auf die Entwicklung skalierbarer Assays zur Identifizierung neuartiger E3-Ligase-Modulatoren und die Entwicklung selektiver Degrader. Zuvor studierte er medizinische und molekulare Biotechnologie in Mailand und Zürich und legte damit ein solides Fundament in Molekularbiologie und Wirkstoffforschung. Bei Proxygen war er maßgeblich an der Entwicklung proprietärer Hochdurchsatzplattformen zur Entdeckung von „molecular glue degraders“ beteiligt und daran, Programme von der frühen Forschung in Richtung Klinik zu bringen. Seine Leitung hat entscheidend dazu beigetragen, Proxygen als Pionier in diesem Feld zu etablieren, ein interdisziplinäres Team aufzubauen und hochwirksame Partnerschaften – darunter eine milliardenschwere Zusammenarbeit mit Merck & Co. – zu schließen. Matthias treibt weiterhin Innovationen im Bereich Targeted Protein Degradation voran, um das „undruggable target space“ für Patient:innen zugänglich zu machen.
Ariel Bensimon ist Chief Executive Officer von Solgate, einem Biotechnologieunternehmen, das sich auf die therapeutische Nutzung von Solute Carriers (SLCs) konzentriert. Ariel begann seinen Weg in die translationale Wissenschaft Ende 2017 im Labor von Giulio Superti-Furga am CeMM, wo er die Rolle wenig erforschter Transporter im Zellstoffwechsel untersuchte. Seine Forschung zeigte erstmals, dass SLC-Transporter – bislang als extrem schwierig zu adressierende Zielstrukturen angesehen – durch Targeted Protein Degradation modulierbar sind, ein damals risikoreicher, aber wegweisender Ansatz. Ariels wissenschaftliche Leistungen und seine Vision, Transporterbiologie mit Wirkstoffforschung zu verbinden, führten zur Gründung von Solgate gemeinsam mit Giulio Superti-Furga, Gaia Novarino, Stefan Kubicek und Georg Winter. Seither hat er das Wachstum des Unternehmens gelenkt, die Plattform weiterentwickelt und nachhaltige Partnerschaften mit Investor:innen und akademischen Einrichtungen aufgebaut. Sein Ansatz verbindet wissenschaftliche Exzellenz mit unternehmerischer Vision und treibt die Translation grundlegender Biologie in transformative Therapien voran – mit dem Ziel, weltweit einen spürbaren Unterschied für Patient:innen zu schaffen.
Enrico Girardi ist Chief Scientific Officer bei Solgate. Er promovierte in Biophysik am King’s College London. Seine Postdoc-Forschung führte er in Strukturbiologie am La Jolla Institute for Immunology (USA) sowie in funktioneller Genomik von Transportern am CeMM in Österreich durch, wo er zudem an der Antragstellung für das IMI2-Resolute-Konsortium beteiligt war – eine große öffentlich-private Partnerschaft mit Fokus auf humane Solute Carriers (SLCs). Während seiner Zeit am CeMM entwarf und realisierte er mehrere groß angelegte funktionelle Genetik-Screens, um die biologischen Funktionen von SLCs und ihre Rolle bei der Wirkstoffaufnahme systematisch zu untersuchen. Vor seinem Wechsel zu Solgate war Enrico als Principal Scientist bei Boehringer Ingelheim tätig, wo er eine Forschungsgruppe leitete, die an mehreren frühen Onkologie-Programmen zur Wirkstoffentdeckung beteiligt war.
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