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S.M.A.R.T

Die S.M.A.R.T. Lecture Series widmet sich aktuellen wissenschaftlichen Herausforderungen aus interdisziplinärer Perspektive und an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft. Ziel ist es, zum Denken über Fachgrenzen hinaus anzuregen und den Dialog mit einer breiteren Öffentlichkeit zu fördern. Die Initiative unseres jungen Instituts befasst sich mit Themen rund um Science, Medicine, Art, Research and Technology (S.M.A.R.T.). Zweimal jährlich laden wir Vortragende ein, die für außergewöhnliche Leistungen in ihrem jeweiligen Fachgebiet bekannt sind – wir freuen uns darauf, den interdisziplinären Austausch fortzusetzen und unseren Horizont zu erweitern!

15. S.M.A.R.T. Lecture: Alice Auersperg

Breaking new ground: Innovation in birds, primates and human infants

Was wir lange Zeit für Alleinstellungsmerkmale des Menschen hielten – Intelligenz, Innovationskraft und der Gebrauch von Werkzeugen – gilt inzwischen als gründlich widerlegt. Kaum jemand zeigt das eindrucksvoller als Alice Auersperg, deren Forschung zu den innovativen Fähigkeiten von Vögeln und Primaten im Zentrum der 15. S.M.A.R.T. Lecture am 17. November 2025 am CeMM stand.

Anhand eindrucksvoller Videoaufnahmen zeigte Auersperg, wie ihre wichtigsten Studienobjekte – Papageien und Rabenvögel – bemerkenswerte Innovationsfähigkeit entwickeln. Diese reicht von neuartigen Futterstrategien wie dem Einweichen oder gar „Würzen“ von Nahrung bis zu technisch anspruchsvollen Neuerungen, die im Werkzeuggebrauch zum Erreichen schwer zugänglicher Ressourcen gipfeln. In experimentellen Aufbauten wie der „Multi-Access Box“ oder der „Innovation Arena“ wurden die Tiere mit komplexen Aufgaben konfrontiert, die koordinierte Handlungen erforderten: Schnüre ziehen, Bälle in Röhren fallen lassen, Stöcke durch Öffnungen schieben oder mehrere Werkzeuge nacheinander richtig einsetzen. Das Publikum verfolgte fasziniert, wie die Vögel diese Herausforderungen scheinbar mühelos meisterten.

Wie Auersperg jedoch zeigte, wird die in Laborversuchen beobachtete Komplexität von einem außergewöhnlichen Beispiel spontanen Werkzeuggebrauchs in freier Wildbahn sogar noch übertroffen: den freilebenden Papageien in Singapur. Diese Tiere verwenden drei verschiedene Werkzeuge – eines zum Schälen, eines zum Öffnen und eines zum Auslöffeln einer harten tropischen Frucht, die für die meisten Menschen unüberwindlich erscheinen würde. Dieses vielschrittige, fein abgestimmte Vorgehen, das völlig ohne Training entstanden ist, gilt als das bislang komplexeste Beispiel natürlich vorkommenden Werkzeuggebrauchs im Tierreich. Es zeigt nicht nur motorische Raffinesse, sondern auch die Fähigkeit, Handlungen zu sequenzieren, Werkzeuge für unterschiedliche Funktionen anzupassen und solche Innovationen innerhalb städtischer Papageienpopulationen weiterzugeben.

In ihren abschließenden Bemerkungen stellte Auersperg diesen Befunden die menschliche Entwicklung gegenüber. Während Kinder bis etwa zum achten Lebensjahr stark auf Nachahmung angewiesen sind, erwerben viele Tiere komplexe Verhaltensweisen durch selbstgesteuerte Erkundung. Das kann sie anfangs individuell innovativer machen. Der entscheidende Vorteil des Menschen liegt jedoch in seiner kumulativen Kultur – einem fortlaufend anwachsenden Reservoir an geteilter Erfahrung und Wissen. Sie ist es, die uns letztlich unterscheidet und unsere Art so erfolgreich gemacht hat.

Nach dem Vortrag nutzte das begeisterte Publikum die Gelegenheit zu zahlreichen Fragen, die weit in den Abend hineinreichten. Unser herzlichster Dank gilt Alice Auersperg, die die S.M.A.R.T. Lecture Series um einen weiteren außergewöhnlichen und unvergesslichen Beitrag bereichert hat.

14. S.M.A.R.T. Lecture: Walter Pohl

Genetics and History: How to Explore the Past Together

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wo gehören wir hin? Und wohin gehen wir? Mit diesen grundlegenden Fragen der Geschichtswissenschaft eröffnete Walter Pohl, Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien, die 14. S.M.A.R.T. Lecture, die am 26. März 2025 am CeMM stattfand. Er betonte, warum Geschichte über gängige Vorstellungen hinaus auch für moderne Gesellschaften von zentraler Bedeutung bleibt.

In seinem Vortrag zeigte er eindrucksvoll, wie sich diese Fragen mithilfe einer faszinierenden Kombination aus klassischer Geschichtsforschung, Archäologie und Genetik bearbeiten lassen – und wie sich dadurch frühere, von nationalistischen oder rassistischen Vorstellungen geprägte Zugänge überwinden lassen. Die rasante Entwicklung der Archäogenetik eröffnet neue Möglichkeiten, um menschliche Geschichte differenzierter zu verstehen. Während sich die frühe Forschung vor allem auf Evolution und Urgeschichte konzentrierte, rückt zunehmend auch die historische Zeit in den Fokus.

Pohl stellte zentrale Ergebnisse seines ERC Synergy Grant-Projekts HistoGenes vor, das genetische, historische und archäologische Aspekte von Bevölkerungsveränderungen in Ostmitteleuropa zwischen 400 und 900 n. Chr. untersucht. Durch die Integration von Genetik, Archäologie, Anthropologie und Geschichtswissenschaft will das Projekt rekonstruieren, wie Gemeinschaften entstanden, sich bewegten und entwickelten. Die Analyse ganzer Gräberfelder erlaubt dabei ein umfassenderes Bild vergangener Lebenswelten und bietet neue Perspektiven auf Migration, Identität und soziale Strukturen.

Im Laufe des Vortrags thematisierte Pohl das Spannungsverhältnis zwischen genetischer und historischer Forschung und unterstrich, dass genetische Befunde immer im Kontext historischer und archäologischer Erkenntnisse interpretiert werden müssen – auch um deterministische Deutungen von Identität zu vermeiden. Zu den zentralen Fragestellungen zählten: Wie formen sich menschliche Gemeinschaften? Welche Rolle spielen Migrationen? Und wie wirken äußere Faktoren wie Klima oder Krankheit auf historische demografische Entwicklungen? Besonders betonte er die Herausforderungen, die mit der genetischen Deutung von Ethnizität und Identität verbunden sind, und sprach sich für eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit aus, um zu fundierten Ergebnissen zu gelangen.

Die Lecture stieß auf großes Interesse und rege Beteiligung – das zeigte sich auch in der Vielzahl an Fragen im Anschluss an den Vortrag. Bei Wein und Käse setzte sich die Diskussion in anregender Atmosphäre fort und bot Raum für vertieften Austausch.

Unser herzlicher Dank gilt Walter Pohl für seinen inspirierenden und anregenden Beitrag, der die Bedeutung interdisziplinärer historischer Forschung eindrucksvoll vor Augen führte.

13. S.M.A.R.T. Lecture: Ivan Krastev

World in Pieces. Elections, Wars, Uncertainties.

Rasche demografische Veränderungen sind eine zentrale Ursache für viele gesellschaftliche und politische Phänomene unserer Zeit – sie lassen, so Ivan Krastev, „die Welt in Stücke fallen“. Dieses zentrale Argument entfaltete der Vorsitzende des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien eindrucksvoll im Rahmen der 13. CeMM S.M.A.R.T. Lecture am 30. Oktober 2024.

Vor einem voll besetzten Saal analysierte Krastev das komplexe Zusammenspiel von demografischem Wandel, Migration und populistischer Politik – mit besonderem Fokus auf Osteuropa. Viele europäische Länder sehen sich mit schrumpfenden Bevölkerungen konfrontiert, bedingt durch niedrige Geburtenraten und Auswanderung – ein Nährboden für rechtspopulistische Bewegungen. Gleichzeitig ist Europa angesichts einer alternden Gesellschaft auf Migration angewiesen, um die Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Dieser wirtschaftlichen Notwendigkeit steht jedoch eine starke gesellschaftliche Abwehr gegenüber. Es entsteht ein Paradoxon: Migration ist ökonomisch notwendig, politisch jedoch hoch umstritten.

Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf Europa: Weltweit führen Ängste vor demografischem Wandel zu politischer Instabilität und einem Vertrauensverlust in demokratische Prozesse – wie etwa in den USA, wo sich diese Entwicklung im Aufstieg eines radikalisierten „Trumpismus“ äußert. Populistische Regierungen versuchen zunehmend, durch Änderungen im Staatsbürgerschaftsrecht und gezielte Mobilisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen eine „passende“ Wählerschaft zu formen. Solche Strategien – häufig in Form migrationsfeindlicher Politik – widersprechen demokratischen Grundprinzipien und dienen vor allem der Machtsicherung.

Demografische Dynamiken wirken sich laut Krastev auch auf geopolitische Konflikte aus – etwa im Fall von Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine. Putins Strategie ziele auch darauf ab, demografische Verluste Russlands – verursacht durch Kriege und politische Umbrüche im 20. Jahrhundert – durch die „Russifizierung“ ukrainischer Gebiete auszugleichen. Dazu zähle auch die Zwangsumsiedlung von Kindern nach Russland.

Abschließend betonte Krastev, dass Fragen von nationaler Identität, Kultur und Staatsbürgerschaft künftig eine Schlüsselrolle für Europa spielen werden. Eine Neubestimmung dessen, was eine Nation oder Kultur ausmacht, könne helfen, innere Spaltungen zu überwinden. Seine Botschaft an das vorwiegend junge Publikum lautete: „Tut nicht so, als gäbe es kein Problem. Aber verfallt auch nicht in Panik.“

Unser herzlicher Dank gilt Ivan Krastev für eine eindrückliche und zum Nachdenken anregende S.M.A.R.T. Lecture, die eine lebhafte Diskussion auslöste – sie dauerte bis spät in den Abend und wirkt bei vielen von uns bis heute nach.

12. S.M.A.R.T. Lecture: Barbara Seidlhofer

Countering convention: English as a lingua franca

Am 27. November 2023 hielt Barbara Seidlhofer, Professorin für Englische Sprachwissenschaft und Angewandte Linguistik an der Universität Wien, die 12. S.M.A.R.T. Lecture am CeMM. In ihrem Vortrag widmete sie sich dem Thema „English as a Lingua Franca“ (ELF) – also Englisch als Verkehrssprache, die von Sprecher:innen mit unterschiedlichen Erstsprachen als gemeinsames und praktikables Kommunikationsmittel genutzt wird. In vielen dieser Kommunikationssituationen sind keine Muttersprachler:innen des Englischen beteiligt. Dennoch gelten im Englischunterricht nach wie vor muttersprachliche Sprecher:innen als „authentische“ Quelle der Zielsprache und -kultur(en) – und als Instanz, die darüber entscheidet, was sprachlich korrekt, idiomatisch oder akzeptabel ist.

In ihrem anregenden Vortrag zeigte Barbara Seidlhofer anhand zahlreicher Beispiele, dass Englisch heute weltweit vor allem als Lingua Franca verwendet wird – und dass daraus eine neue, eigenständige Form globalisierter Kommunikation entsteht. Sie sprach über die Entwicklung dieses Phänomens sowie über die Herausforderungen, die es für die zeitgenössische Linguistik und den Englischunterricht mit sich bringt.

Wir danken Professorin Barbara Seidlhofer herzlich für ihren inspirierenden Beitrag und den fachlichen Austausch mit unseren Forscher:innen!

11. SMART Lecture: Oskar Aszmann

Cyborgs ahead? Considering the value of the human body

Die 11. S.M.A.R.T. Lecture wurde von Oskar Aszmann, Professor an der Medizinischen Universität Wien, gehalten und eröffnete spannende Einblicke in zukünftige medizinische Anwendungsmöglichkeiten von Mensch-Maschine-Interaktionen. In seinem Vortrag sprach Prof. Aszmann über die rekonstruktive Bionik und die Bedeutung des menschlichen Körpers im Zeitalter bahnbrechender technologischer Entwicklungen.

Professor Aszmann ist Direktor des Zentrums für Bionische Extremitätenrekonstruktion und stellvertretender Leiter der Universitätsklinik für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der Medizinischen Universität Wien. Er berichtete über seine international beachtete Pionierarbeit auf dem Gebiet der bionischen Rekonstruktion von Gliedmaßen – darunter auch Meilensteine wie die funktionelle Wiederherstellung einer Hand.

Im Zentrum seines Vortrags standen neben den technologischen Fortschritten insbesondere die kognitiven Herausforderungen, die sich nach einem Gliedmaßenverlust im Umgang mit komplexen bionischen Systemen ergeben. Die Lecture bot eine eindrucksvolle Gelegenheit, mehr über das Potenzial technologischer Lösungen jenseits biologischer Möglichkeiten zu erfahren – und darüber, wie sich Funktionalität und Mobilität unter Berücksichtigung der Einzigartigkeit des menschlichen Körpers wiederherstellen lassen.

Wir danken Professor Oskar Aszmann herzlich für seine Einblicke und die Bereitschaft, seine Expertise mit uns zu teilen. Sein Engagement für die Weiterentwicklung bionischer Rekonstruktion und die Verbesserung der Lebensqualität ist äußerst beeindruckend.

10. S.M.A.R.T. Lecture: Orly Goldwasser

What Makes a Great Invention? The Invention of the Alphabet in the Sinai Desert C. 1840 BCE

Die 10. S.M.A.R.T. Lecture fand pandemiebedingt online über Zoom statt und wurde von Orly Goldwasser gehalten, Professorin für Ägyptologie an der Hebräischen Universität Jerusalem und Honorarprofessorin an der Universität Göttingen. Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand eine der folgenreichsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte: das Alphabet. Bemerkenswerterweise wurde das Alphabet nur ein einziges Mal erfunden – alle alphabetischen Schriftsysteme weltweit gehen auf diesen einen Ursprung zurück.

Prof. Goldwasser erläuterte in ihrer Lecture die Geschichte der Alphabeterfindung ausgehend von den ägyptischen Hieroglyphen, datiert auf etwa 1840 v. Chr. in der Sinai-Wüste. Dort gefundene Inschriften in alten Kupfer- und Türkisminen wurden von den Kanaanäer:innen angebracht – Bevölkerungsgruppen aus dem heutigen Israel, Palästina und Libanon, die eine semitische Sprache sprachen, die als Ursprache des modernen Hebräisch und Arabisch gilt. Der entscheidende Schritt der Erfindung bestand darin, das Bildzeichen einer Hieroglyphe zunächst semitisch zu benennen, dann den Laut des Anfangsbuchstabens herauszulösen – und schließlich die ursprüngliche Bildbedeutung vollständig aufzugeben. Jeder Buchstabe stand somit für genau einen Laut.

Lange Zeit bestand in der internationalen Fachwelt keine Einigkeit darüber, wann und wo genau das Alphabet entstanden ist. Die Forschungsarbeiten von Orly Goldwasser haben wesentlich zur Rekonstruktion des Entstehungsprozesses beigetragen. Sie identifizierte potenzielle hieroglyphische Vorlagen im Repertoire der ägyptischen Sinai-Inschriften und konnte zeigen, dass es sich bei den Erfinder:innen des Alphabets um nicht schreibkundige kanaanäische Arbeiter:innen handelte, die in den Minen des Sinai tätig waren.

Wir danken Prof. Goldwasser herzlich für ihren erkenntnisreichen Vortrag, der uns in eine faszinierende Epoche der Menschheitsgeschichte entführt hat.

9. S.M.A.R.T. Lecture: Wolfgang Lutz

Population trends and the global sustainable development goals

Die 9. S.M.A.R.T. Lecture wurde von Professor Wolfgang Lutz gehalten, Gründungsdirektor des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital (IIASA, VID/ÖAW, WU), und war ein eindringliches Plädoyer für Bildung. Insbesondere die Bildung von Frauen trägt nicht nur zur Senkung der Kindersterblichkeit und zur Steigerung der Lebenserwartung bei, sondern ist ein entscheidender Faktor zur Armutsbekämpfung.

In seinem Vortrag betonte Wolfgang Lutz, dass sich Menschen weltweit im Wesentlichen nicht stark voneinander unterscheiden. Gleichzeitig erleben wir eine globale „demografische Modernisierung“, bei der sich die Länder in unterschiedlichen Phasen desselben Prozesses befinden: In einer frühen Phase führen sinkende Sterberaten – bedingt durch verbesserte Hygiene und medizinischen Fortschritt – bei gleichzeitig kulturell bedingt hohen Geburtenraten zu starkem Bevölkerungswachstum. In späteren Phasen sinken auch die Geburtenraten, was zu geringem oder sogar negativem Bevölkerungswachstum führt. Anhand eindrucksvoller Beispiele – darunter der demografische Wandel in Finnland von 1722 bis 2017, Geburten- und Sterbezahlen auf Mauritius ab 1875 sowie eine Studie zu Einkommens- und Bildungseinflüssen auf die Kindersterblichkeit in Indien – zeigte Lutz den Zusammenhang zwischen Bildung und höherer Lebenserwartung: Für das Überleben zählt Bildung mehr als Geld!

Empirische Studien belegen, dass die tiefgreifendsten sozialen Veränderungen mit der Verbreitung allgemeiner weiblicher Alphabetisierung einhergehen. Die zukünftige Entwicklung des globalen Bevölkerungswachstums und die Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen hängen entscheidend von der Bildung von Frauen ab. Der „homo sapiens literata“ (MPI-EVA, McElreath) – eine Unterart des homo sapiens, geprägt durch hohe Abstraktionsfähigkeit, Schriftlichkeit, kodifiziertes Wissen, komplexe sozioökonomische Institutionen und moderne Wissenschaft – ist Träger dieses Wandels. Der Vortrag mündete in eine lebhafte Diskussion, die auch am CeMM weitergeführt wird: Wie können wir selbst zu einer positiven gesellschaftlichen Entwicklung beitragen? Bildung ist der Schlüssel!

Wir danken Professor Lutz für seinen inspirierenden Vortrag im Rahmen der S.M.A.R.T.-Vorlesungsreihe am CeMM!

8. S.M.A.R.T. Lecture: Jan Gehl

Livable Cities for the 21st century

Die 8. CeMM S.M.A.R.T. Lecture wurde vom Architekten und Stadtplanungsberater Jan Gehl gehalten – ein ebenso unterhaltsamer wie inspirierender Vortrag. Anhand zahlreicher anschaulicher Beispiele zeigte Gehl auf, welche Probleme durch eine objektzentrierte statt menschenzentrierte Stadtplanung im 20. Jahrhundert entstanden sind – und wie bereits einfache Maßnahmen Städte wieder lebenswerter machen können. Die starke Fokussierung auf Mobilität, insbesondere den Autoverkehr, hat zur Entstehung eines „Sitz-Syndroms“ beigetragen – einem Mangel an körperlicher Bewegung, der heute eine erhebliche Gesundheitsgefahr darstellt. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, entwickelte Jan Gehl einen beobachtungsbasierten Planungsansatz: urbane Räume werden systematisch dokumentiert, schrittweise verbessert – und anschließend erneut analysiert.

Die Ergebnisse sind eindrucksvoll: Maßnahmen wie die Sperrung von Innenstädten für den Autoverkehr, der Ausbau durchgängiger Fahrradwege oder die Gestaltung attraktiver öffentlicher Räume („sticky places“), die Menschen gerne nutzen, haben dazu beigetragen, Kopenhagen – wo Jan Gehl über vier Jahrzehnte in die Stadtplanung involviert war – von einer autogerechten Stadt zu einem der lebenswertesten Orte der Welt zu machen. Auch Städte wie New York oder Moskau holten sich Rat bei Jan Gehl und verbesserten mit seiner Unterstützung ihre urbanen Räume.

Rund 150 Personen aus unterschiedlichen Fachrichtungen folgten der S.M.A.R.T. Lecture im vollen Seminarraum am CeMM mit großem Interesse. Die anschließenden Diskussionen waren lebhaft und interdisziplinär: Künstler:innen, Architekt:innen, Stadtplaner:innen und Wissenschaftler:innen tauschten sich mit Jan Gehl in der Brain Lounge intensiv aus. Wir sind stolz und dankbar, dass Jan Gehl unserer Einladung gefolgt ist – und damit unser Anliegen unterstützt, den interdisziplinären Dialog zu fördern, neue Perspektiven zu eröffnen und den Austausch mit der Öffentlichkeit zu stärken.

Seine zentrale Botschaft bleibt im Gedächtnis: Die Welt dreht sich nicht darum, von A nach B zu kommen – sondern darum, schöne Orte zum Verweilen zu schaffen.

7. S.M.A.R.T. Lecture: Hermann Hauser

Machine learning is changing everything

„Machine Learning ist das mächtigste Werkzeug, das die Menschheit bislang entwickelt hat“ – mit diesen Worten eröffnete Hermann Hauser, Physiker und äußerst erfolgreicher Serienunternehmer in Cambridge, seine Lecture zu einer der am rasantesten fortschreitenden Technologien unserer Zeit. In der 7. S.M.A.R.T. Lecture am 27. März 2016 zeigte er auf, dass Spracherkennung auf Mobiltelefonen, Gesichtserkennungsprogramme oder Empfehlungssysteme kommerzieller Plattformen nur einige aktuelle Beispiele für das Potenzial des maschinellen Lernens sind. Der entscheidende Erfolgsfaktor dieser Technologie: Sie folgt nicht mehr starren, vorgegebenen Regeln, sondern lernt selbstständig aus großen Datenmengen.

So vielversprechend diese Technologie für Innovation und Fortschritt ist, so wies Hermann Hauser auch auf ihre Risiken hin: „Wir müssen herausfinden, wie wir sicherstellen können, dass hochintelligente Maschinen menschliche Werte verkörpern.“ Darüber hinaus stellen intelligente Systeme eine gesellschaftliche Herausforderung dar: Sie könnten mehr als 50 % der heutigen Arbeitsplätze gefährden. Gleichzeitig eröffnen sich neue wirtschaftliche Chancen – insbesondere in Dienstleistung und Gesundheitswesen, wo der Einsatz hochdurchsatzbasierter Sensorik stark zunimmt.

Mit seiner S.M.A.R.T. Lecture zum Thema Machine Learning gab Hermann Hauser einen fesselnden Überblick über aktuelle Entwicklungen und verdeutlichte eindrucksvoll das transformative Potenzial dieser Technologie. Unser herzlicher Dank gilt Hermann Hauser für einen inspirierenden und erkenntnisreichen Abend am CeMM!

6. S.M.A.R.T. Lecture: Mathieu Ossendrijver

The Stars over Babylon: Geometrical methods of the ancient astronomers

Mathieu Ossendrijver, Professor für die Geschichte der antiken Wissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, präsentierte seine Forschungsergebnisse zur astronomischen Rechenkunst der Babylonier am 11. November 2016 im vollbesetzten Vortragssaal des CeMM im Rahmen der 6. S.M.A.R.T. Lecture. Auf Basis von fünf Keilschrifttafeln aus der Zeit zwischen 350 und 50 v. Chr. entzifferte Ossendrijver eine hochentwickelte Methode zur Berechnung und Vorhersage der Jupiter-Position. Den Tafeln zufolge konnten die babylonischen Astronomen bereits vor über zweitausend Jahren die Bewegung eines Himmelskörpers als Fläche im Zeit-Geschwindigkeits-Diagramm bestimmen – ein mathematischer Zugang, der bislang erst für das europäische Mittelalter angenommen wurde.

Ossendrijvers Entdeckung sorgte für großes Aufsehen: Die Veröffentlichung in Science überraschte nicht nur Fachkolleg:innen, sondern fand weltweit breite Beachtung. Seine Arbeit veränderte nicht nur die Sicht auf die babylonische Astronomie, sondern lässt auch vermuten, dass deren mathemische Konzepte möglicherweise Einfluss auf die griechische Mathematik und ihre Nachfolger:innen hatten. Im Anschluss an den Vortrag entspann sich eine lebhafte und anregende Diskussion, die beim anschließenden Empfang fortgeführt wurde – der gelungene Abschluss eines ebenso erkenntnisreichen wie inspirierenden Abends.

5. S.M.A.R.T. Lecture: Albert-László Barabasi"

Network Science: From the WWW to Human Diseases

Am 12. Oktober 2015 war es uns eine große Freude, Albert-László Barabási (Center for Complex Network Research, Northeastern University, und Division of Network Medicine, Harvard University) am CeMM zu begrüßen. Nach mehreren Gesprächen mit PhD-Studierenden und Forschenden sowie einem anregenden Austausch mit eingeladenen Künstler:innen in der CeMM Brain Lounge hielt Albert-László Barabási die 5. S.M.A.R.T. Lecture. Sein Vortrag zur Netzwerkforschung zog rund 150 Zuhörer:innen an.

In seinem Vortrag zeigte Barabási, wie Netzwerke als einheitliches Konzept genutzt werden können, um unterschiedlichste Systeme zu beschreiben: Computer, die über das Internet verbunden sind, Schauspieler:innen, die gemeinsam in Filmen auftraten, Interaktionen zwischen Proteinen oder Städte, die durch Flugrouten miteinander verknüpft sind – all diesen Netzwerken liegen ähnliche strukturelle Prinzipien zugrunde. Das Verständnis dieser universellen Eigenschaften sei entscheidend, um auch die molekularen Grundlagen menschlicher Erkrankungen besser zu erfassen.

Wir danken Albert-László Barabási herzlich für seinen inspirierenden Vortrag und die anschließende lebhafte Diskussion – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie aktuelle Spitzenforschung einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden kann.

4. S.M.A.R.T. Lecture: Peter Brabeck-Letmathe

Big Data Challenges and Opportunities for Food and Nutritional Science

Am 16. März 2015 hielt Peter Brabeck-Letmathe, Chairman of the Board von Nestlé S.A., die 4. S.M.A.R.T. Lecture am CeMM. In seinem Vortrag skizzierte er die Rolle von Nestlé als global agierendes Unternehmen der Lebensmittelindustrie, das sich zunehmend in Richtung Gesundheits- und Wellnessorientierung entwickelt. Er sprach sich für einen kulturellen Wandel aus, der Ernährung den Stellenwert einer zentralen wissenschaftlichen Disziplin zuschreibt. Für Brabeck-Letmathe reicht dieser Anspruch weit über Maßnahmen wie die Reduktion von Zucker und Salz in Produkten hinaus – es gehe vielmehr um eine grundsätzliche und dauerhafte Verpflichtung zu gesünderen Lebensmitteln.

Zentral sei dabei, so Brabeck-Letmathe, die Stärkung der ernährungswissenschaftlichen Forschung mit dem Ziel der Krankheitsprävention. In diesem Zusammenhang stellte er exemplarisch mehrere Forschungsprojekte des Nestlé Institute of Health Sciences mit Sitz in Lausanne vor. Gene, Ernährung und Lebensstil stehen demnach in einem dynamischen Zusammenspiel, das bei jeder Person individuell und zeitabhängig verläuft. Daraus ergibt sich das Konzept der „präzisen Ernährung“ – in Analogie zur „Precision Medicine“.

Wir danken Peter Brabeck-Letmathe für seinen Besuch am CeMM und seinen anregenden Vortrag.

3. S.M.A.R.T. Lecture: Gian Domenico Borasio

Silent Revolutions in Modern Health Care Systems

Am 28. März 2014 fand die dritte Lecture der S.M.A.R.T. Reihe statt. Vor einem aufmerksamen und erwartungsvollen Publikum aus Wissenschaftler:innen, Kliniker:innen und interessierten Laien hielt der in Italien geborene Neurologe und Wissenschaftler Gian Domenico Borasio einen ebenso fesselnden wie nachdenklich stimmenden Vortrag mit dem Titel „Empathie und Evidenz – Die wissenschaftlichen Grundlagen der Palliativmedizin“. Im Anschluss entwickelte sich eine lebhafte Diskussion.

Gian Domenico Borasio, MD, DipPallMed, ist Professor und Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin am Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV) und an der Universität Lausanne (Schweiz). Seit 2012 ist er zudem Vorsitzender der Klinischen Ethikkommission des CHUV. Seine Lecture am CeMM begann mit einer Würdigung der Pionierarbeit von Dame Cicely Saunders, die als Begründerin der modernen Palliativmedizin gilt. Im weiteren Verlauf sprach Borasio über grundlegende Fragen und Konzepte wie „Lebensqualität“ und „persönliche Werte“. Als ausgewiesener Verfechter einer medizinischen Betreuung am Lebensende setzt er sich seit vielen Jahren für die Bedeutung der Palliativmedizin ein. Sein Buch Über das Sterben wurde in drei Sprachen übersetzt und wurde auch in der breiten Öffentlichkeit viel gelesen.

Seine Überlegungen basieren auf scheinbar einfachen, aber inhaltlich komplexen Fragen – etwa: „Was brauchen wir, wenn wir sterben?“ In seinem Vortrag betonte Borasio, dass Palliativmedizin weit mehr ist als eine reine Sterbebegleitung. Neben den Fortschritten in der medikamentösen Symptombehandlung ist in den vergangenen Jahren eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien erschienen, die belegen, dass psychosoziale und spirituelle Aspekte ebenso bedeutsam sind wie medizinische Maßnahmen im engeren Sinn.

Zum Abschluss seiner Lecture skizzierte Borasio die zahlreichen Hürden, die auf dem Weg zur breiten Umsetzung palliativmedizinischer Ansätze noch zu überwinden sind – mit dem Ziel, langfristig ein nachhaltigeres Gesundheitssystem zu ermöglichen.

2. S.M.A.R.T. Lecture: Fabiola Gianotti

The S.M.A.R.T. Lecture Series and the "God Particle"

Am Montag, den 25. November 2013, hielt Fabiola Gianotti vom Physikdepartment des CERN (Schweiz) eine eindrucksvolle S.M.A.R.T. Lecture am CeMM mit dem Titel „The Higgs Boson and Our Life“. Der Vortrag fand vor einem voll besetzten Auditorium statt und wurde mit einer herzlichen Einführung durch CeMM-Wissenschaftsdirektor Giulio Superti-Furga eröffnet. Fabiola Gianotti stellte zunächst das CERN vor – das weltweit größte Forschungszentrum für Teilchenphysik, an dem über 11.000 Wissenschaftler:innen aus mehr als 60 Ländern mitwirken. Ziel des CERN ist es, die grundlegenden Bausteine der Materie zu erforschen. Gianotti betonte, dass ein besseres Verständnis des „sehr Kleinen“ auch zu einem tieferen Verständnis des „sehr Großen“ führen kann.

Das Higgs-Boson ist ein Elementarteilchen, dessen Existenz erstmals 1964 theoretisch beschrieben wurde. Die Entdeckung des Teilchens durch das CERN, die am 4. Juli 2012 bekannt gegeben wurde, stellte einen wissenschaftlichen Meilenstein dar. In den fast vier Jahrzehnten bis zu diesem Durchbruch entwickelte und errichtete das CERN den Large Hadron Collider (LHC) – ein Projekt, das über 20 Jahre dauerte und entscheidend für die Entdeckung war. Gianotti erklärte, dass für die Erforschung von Elementarteilchen drei zentrale Komponenten notwendig sind: ein Beschleuniger, ein Detektor und Rechenleistung. Diese Elemente sind im LHC vereint – einem unterirdischen Ring mit 27 km Umfang, der sich über die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich erstreckt. Darin werden Protonenströme aus Wasserstoffgas unter Hochvakuum nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Bei der Kollision dieser Teilchen wird Energie freigesetzt, die sich in Materie – also in größere, schwerere Teilchen – umwandeln kann.

So gelingt es dem LHC, Higgs-Bosonen und andere Teilchen zu erzeugen, die anschließend untersucht werden können. Solche grundlegenden Entdeckungen tragen durch technologische Weiterentwicklungen langfristig auch zur gesellschaftlichen Entwicklung bei. Im Anschluss an den Vortrag beantwortete Fabiola Gianotti zahlreiche Fragen aus dem Publikum – etwa, ob das Higgs-Boson helfen könne, Dunkle Materie oder den Ursprung des Universums besser zu verstehen. Sie erklärte, dass am CERN versucht wird, die Bedingungen kurz nach dem Urknall experimentell nachzubilden, um daraus Rückschlüsse auf die Entstehung des Universums zu ziehen. Ein besonderes Anliegen des CERN ist die Ausbildung der nächsten Generation von Wissenschaftler:innen: Über die Hälfte der beteiligten Forschenden sind unter 30 Jahre alt. In ihrer abschließenden Botschaft an das junge Publikum betonte Fabiola Gianotti die zentrale Rolle von Neugier – als Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens und als Motor für Motivation und Entdeckergeist.

1. S.M.A.R.T. Lecture: Norbert Bischofberger

Inauguration of the CeMM S.M.A.R.T. series of Lectures by Dr. Norbert Bischofberger

Die erste CeMM S.M.A.R.T. Lecture wurde am Montag, dem 19. März 2012, von Dr. Norbert Bischofberger eröffnet, Executive Vice President of Research and Development und Chief Scientific Officer bei Gilead Sciences, Inc. Diese neue Vortragsreihe widmet sich aktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft sowie Wissenschaft und Kunst – stets aus interdisziplinärer Perspektive. In der Auftaktveranstaltung mit dem Titel „Antiviral Drug Discovery and Development: Combating the Global Threat of HIV and HCV“ sprach Dr. Bischofberger über die Entwicklungsgeschichte von HIV und Hepatitis C (HCV) – sowohl im Hinblick auf den Verlauf der Erkrankungen als auch auf die Fortschritte in der medikamentösen Therapie. Es war die eindrucksvolle Darstellung zweier Krankheiten – und eines Unternehmens.

Im Jahr 1996, als erste HIV-Therapien verfügbar wurden, mussten Patient:innen noch über 30 verschiedene Medikamente einnehmen – manche mit, andere ohne Flüssigkeit. Diese komplexen Therapieschemata beeinträchtigten die Lebensqualität massiv. Dr. Bischofberger erläuterte die wissenschaftlichen Grundlagen und Durchbrüche, die es ermöglichten, etwa zehn Jahre später auf wirksamere, besser verträgliche und deutlich weniger belastende Kombinationstherapien umzustellen – mit entsprechend positiven Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen. Gilead initiierte zudem ein weltweites Zugangspogramm, das antiretrovirale Medikamente in 132 einkommensschwachen Ländern ohne Gewinnerzielung zur Verfügung stellt.

Im Anschluss an den Vortrag fand eine Podiumsdiskussion mit Publikumsfragen statt. Ein Thema war die bislang nicht realisierte Entwicklung eines wirksamen HIV-Impfstoffs. Dr. Bischofberger äußerte sich trotz seines grundsätzlich optimistischen Blicks auf die therapeutische Entwicklung eher skeptisch in Bezug auf eine baldige Impfstofflösung. Vielmehr sei davon auszugehen, dass moderne Technologien künftig zu gezielteren, besser verträglichen Wirkstoffen führen, die – in Kombination mit politischen Maßnahmen – zu einer global breiteren Verfügbarkeit von Medikamenten und Therapien beitragen können.